ViliaSprint²: Europas größtes Mehrfamilienhaus aus dem 3D-Drucker in Frankreich realisiert
Der 3D-Betondruck erreicht mittlerweile den Geschosswohnungsbau. Mit ViliaSprint² wurde in Frankreich ein Mehrfamilienhaus realisiert, dessen tragende Struktur vollständig vor Ort gedruckt wurde. Das Projekt zeigt, welche Potenziale die Technologie für Bauzeit, Personalaufwand und Bauablauf bietet und dient zugleich als Vergleich zur konventionellen Bauweise.
Plurial Novilia, eine Tochtergesellschaft der Action Logement Gruppe und Verwalterin von mehr als 39.000 Wohnungen im Grand Est sowie in der Île-de-France (Seine-et-Marne und Essonne), hat in Bezannes (Département Marne) das Projekt ViliaSprint² fertiggestellt. Das Mehrfamilienhaus mit 12 Sozialwohnungen ist das erste Gebäude in Frankreich, dessen tragende Struktur und sämtliche Wände direkt vor Ort mittels 3D-Betondruck hergestellt wurden.
Mit einer Wohnfläche von insgesamt 800 m² auf drei Etagen (R+2) ist es zudem das größte Gebäude dieser Art in Europa. Vor dem Hintergrund rückläufiger Neubautätigkeit und anhaltenden Fachkräftemangels in körperlich anspruchsvollen Gewerken wie dem Rohbau wurde das Projekt in 12 Monaten (alle Gewerke, ohne Infrastruktur) realisiert. Es zeigt Möglichkeiten eines Verfahrens auf, das perspektivisch dazu beitragen kann, Wohnraum schneller und mit veränderten Bauprozessen zu erstellen und dabei die Arbeitsbedingungen auf der Baustelle und die Sicherheit zu verbessern.
Ein Pionierprojekt für den Geschosswohnungsbau in Frankreich
Plurial Novilia hat bereits Erfahrung in diesem Bereich (2022 wurden fünf Häuser mit in der Fabrik gedruckten Wänden übergeben) und erweitert nun die Anwendung der additiven Fertigung im Bauwesen.
Der 3D-Druck erfolgte direkt auf der Baustelle mithilfe eines robotisierten Portalsystems Cobod BOD2 von Peri 3D Construction, das durch schichtweises Extrudieren von Beton die tragenden Außen- und Innenwände erzeugt. Der druckbare Beton – entwickelt von Holcim auf Basis der TectorPrint-Technologie – wurde mit synthetischen Makrofasern verstärkt, um die strukturellen Eigenschaften zu verbessern. Er gehört zur CO₂-reduzierten ECOPact-Reihe und ermöglicht eine Emissionsreduktion von mindestens 30 % gegenüber herkömmlichem Beton.
Dank der Technologie und der Vor-Ort-Produktion des Betons konnte die im März 2025 gestartete Druckphase in 34 effektiven Tagen abgeschlossen werden – schneller als die ursprünglich geplanten 50 Tage. Diese Zeitersparnis ist auch auf eine optimierte Abfolge beim Einbau der Fertigdecken zurückzuführen, wodurch die Anzahl der notwendigen Umpositionierungen des Druckportals reduziert werden konnte.
„Diese Leistung bestätigt das Potenzial dieser Bauweise, die sowohl die Bauzeiten verkürzen als auch die Arbeitsbedingungen auf der Baustelle verändern kann – sowohl für die am Druck beteiligten Unternehmen Holcim und Peri 3D Construction als auch für das Generalunternehmen Demathieu Bard Construction“, erklärt Jérôme Florentin, Direktor für Projektentwicklung bei Plurial Novilia.
Ein Demonstrationsprojekt für die Industrialisierung des 3D-Drucks im Bauwesen
Neben der technischen Umsetzung zielte das Projekt darauf ab, die Einsatzbedingungen des 3D-Drucks im Maßstab eines Mehrfamilienhauses innerhalb Frankreichs zu testen. Zu diesem Zweck errichtete Plurial Novilia auf demselben Grundstück ein nahezu identisches Gebäude in konventioneller Bauweise. Dieses zweite Gebäude dient dazu, die Leistungsfähigkeit der 3D-Bauweise sowohl während der Bauphase als auch im Betrieb zu vergleichen.
Die Ergebnisse zeigen neben verkürzten Bauzeiten im Rohbau auch Unterschiede hinsichtlich Produktivität und Arbeitsbedingungen. So waren für den 3D-Druck drei Bediener erforderlich, während im traditionellen Bau sechs Personen benötigt wurden.
Durch das direkte Drucken der tragenden Wände vor Ort entfällt eine Verlagerung der Produktion in Fabriken; gleichzeitig verändern sich die Anforderungen an die Bauberufe hin zu stärker technisch und digital geprägten Tätigkeiten. Die Bediener steuern den Prozess per Tablet und müssen keine schweren Lasten heben. Dies kann die Sicherheit erhöhen und körperliche Belastungen reduzieren.
Auch die benötigten Materialien und Geräte werden reduziert: Anstatt Schalungen und Laufstegen kommen hauptsächlich der Roboter und ein Gerüst zum Einsatz.
Umweltaspekte und architektonische Möglichkeiten
Die Technologie reduziert die zu erwartenden Abfallmengen (von 10 % auf 5 %) und verringert das Transportaufkommen, da der Beton vor Ort verarbeitet wird. Zudem ist die Baustelle leiser.
Der 3D-Druck ermöglicht größere gestalterische Freiheit, insbesondere bei komplexen Geometrien und Rundungen. Durch kompakte Bauweise und optimierte Formen konnten außerdem etwa 10 % Beton eingespart werden.
„Bei Peri 3D Construction sind wir daran beteiligt, dieses Projekt als Technologiepartner und in der Druckausführung umzusetzen. Das Ergebnis zeigt, was im 3D-Gebäudedruck möglich ist – auch in Frankreich: schnelleres Bauen, geringerer Personaleinsatz und tragende Strukturen. Für uns ist dies ein wichtiger Schritt für die weitere Entwicklung dieser Technologie“, sagt Dr. Fabian Meyer-Brötz, Geschäftsführer von Peri 3D Construction.
Beitrag zu aktuellen Herausforderungen im Wohnungsbau
Das architektonische Konzept von Hobo Architecture integriert zudem biobasierte und geobasierte Materialien wie Perlit (für Dämmung) sowie Holz für Balkonstrukturen. Ergänzt wird das Gebäude durch 500 m² Photovoltaikanlagen und eine hybride Gas-Wärmepumpe von Atlantic Systèmes.
Die Gebäudeausrichtung basiert auf Sonnenstudien des deutschen Experten Timo Leukefeld und ermöglicht rund 60 % Energieautarkie bei Einhaltung der französischen RE2020-Vorgaben für 2025.
Mit einer um drei Monate verkürzten Bauzeit stellt das Projekt einen Ansatz zur Bewältigung des Wohnungsmangels in Frankreich dar. Die Baukosten liegen derzeit etwa 30 % über denen konventioneller Bauweisen (ohne Einfluss auf die Mieten), hauptsächlich aufgrund von Forschungs- und Entwicklungsaufwand sowie Zertifizierungen. Insgesamt belief sich die Investition auf 4,5 Mio. €.
„ViliaSprint² ist ein Schritt bei der Erprobung neuer Bauverfahren und zeigt das Potenzial des 3D-Drucks für den Wohnungsbau“, so Johnny Huat, Geschäftsführer von Plurial Novilia.
Aufbauend auf diesen Erfahrungen plant Plurial Novilia gemeinsam mit seinen Partnern ein weiteres Projekt mit etwa 40 Wohneinheiten. Dabei sollen zwei 3D-Drucker gleichzeitig eingesetzt werden, um die Bauzeit weiter zu verkürzen und die Kosten langfristig an konventionelle Bauweisen anzunähern.
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