EMIDAT

Umweltdaten als Wettbewerbsvorteil

Emidat, die in München ansässige Plattform für klimaneutrales Produktmanagement, veranstaltete den Climate-Native Summit 2026 im Memox Skyline Tower in München. Der Summit brachte Hersteller von Bauprodukten, LCA-Experten, Prüfer und Regulierungsspezialisten zusammen, um eine der drängendsten Herausforderungen der Branche anzugehen: die Umwandlung von Ökobilanzierungen und Umweltproduktdeklarationen von einer Compliance-Verpflichtung in einen echten strategischen Vorteil.

Von der Verpflichtung zur Strategie

Da die überarbeitete Bauprodukteverordnung und digitale Produktpässe die Art und Weise, wie Produkte EU-weit auf den Markt gebracht werden, grundlegend verändern werden, können Hersteller LCA und EPD nicht länger als einmalige Formalität betrachten. Der Climate-Native Summit 2026 vermittelte den Herstellern ein klares Bild davon, was sich ändert, was dies für ihr Geschäft bedeutet und was jetzt zu tun ist, bevor alle regulatorischen Anforderungen in Kraft treten.

Der Tag war in vier Themenbereiche gegliedert: 

1. Umweltdaten als Wettbewerbsvorteil nutzen

2. Skalierung der LCA-Erstellung ohne Qualitätseinbußen

3. Ökodesign und die nächste Produktgeneration

4. Die praktischen Auswirkungen der CPR und des DPP für Hersteller, die auf dem EU-Markt tätig sind.

Block 1: Umweltdaten als geschäftlicher Mehrwert

Lisa Oberaigner, Mitbegründerin und CEO von Emidat, eröffnete den Summit, indem sie das Ausmaß der Herausforderung auf den Tisch brachte. Jeden Monat entsteht weltweit eine Bauleistung, die der gesamten Gebäudemasse von New York City entspricht. Das Bauwesen verursacht 30 % des weltweiten Abfalls, und 75 % der Gebäude, die im Jahr 2050 existieren werden, sind noch nicht gebaut.

Ihre Botschaft: Die Hersteller, die jetzt handeln, verschaffen sich einen Vorteil, solange der Markt noch in den Kinderschuhen steckt. Diejenigen, die abwarten, werden unter Druck aufholen müssen.

Es folgten zwei Fallstudien, die jeweils zeigten, wie dies in der Praxis aussieht.

Patric Kannberg, Nachhaltigkeitsmanager bei Object Carpet, zeigte, wie ein klares Nachhaltigkeitsziel – die nächste Generation ihres Produkts besser zu machen, ohne Kompromisse bei Leistung oder Design einzugehen – dazu führte, dass sie die Ökobilanz (LCA) direkt in die Produktentwicklung integrierten. 

Das Ergebnis: 60 % Recyclinganteil, 40 % weniger Material pro Quadratmeter, 95 % weniger Energie im Beschichtungsprozess und ein Wiederverwendungsprogramm, das die Produktlebensdauer verlängert. Ihr Rat: Nutzen Sie die Daten als strategisches Instrument, nicht als reine Berichterstattung.

Katherine Agapitos, Corporate Product Sustainability Manager bei der Sika Technology AG, brachte die Perspektive eines Herstellers ein, der in 103 Ländern und 400 Fabriken tätig ist. Sika begann vor über einem Jahrzehnt mit der Veröffentlichung von EPDs. Was zunächst wie frühe Neugierde aussah, wurde zu einem Vorsprung, den die Konkurrenz heute nur sehr schwer aufholen kann. 

Ihr Weg: ein zentrales Kompetenzzentrum, ein dezentrales Netzwerk von Spezialisten und der Schritt hin zur vollständigen Automatisierung, beginnend mit ihrem Carbon Compass-Tool im Jahr 2025 und der EPD-Automatisierung mit Emidat im Jahr 2026. Katherines Rat: Beginnen Sie mit Ihren Daten. Finden Sie heraus, wo sie gespeichert sind, wie man sie verknüpft und wie man sie zuverlässig macht. Alles andere baut darauf auf.

Block 2: Beeinträchtigt die LCA-Automatisierung die Qualität?

Jona Roßmann, Produktmanager bei Emidat, eröffnete die Podiumsdiskussion mit einer Bestandsaufnahme: 3.000 Hersteller in Europa verfügen heute über EPD-Daten. Nach der CPR werden 430.000 Hersteller diese benötigen. Die Frage ist, ob die Automatisierung in diesem Umfang die Qualität liefern kann, die die Branche benötigt.

Drei Perspektiven auf der Bühne: Katherine Agapitos brachte die betriebliche Realität eines globalen Herstellers ein, Niels Jungbluth von ESU-services die Sichtweise des Prüfers und Lisa Oberaigner die Perspektive des Tools.

Das Fazit der Podiumsdiskussion: Automatisierung beeinträchtigt die Qualität nicht. Sie verbessert sie. Ein vorab verifiziertes Tool, das von zehn Herstellern derselben Produktgruppe genutzt wird, bedeutet, dass 30 oder mehr Personen dieselbe Berechnung einem Stresstest unterziehen. Die Methodik wird dadurch genauer geprüft, nicht weniger. Automatisierung sorgt zudem von vornherein für Harmonisierung und beseitigt die Variabilität, die manuelle Prozesse mit sich bringen.

Das schwierigere Problem, da war sich das Podium einig, ist nicht die Berechnungsmethodik. Es sind die Eingabedaten und die Vergleichbarkeit. Zwei EPDs für scheinbar identische Produkte können auf völlig unterschiedlichen Annahmen basieren, und der Unterschied ist im endgültigen Dokument nicht immer erkennbar. Die Lösung sind harmonisierte Berechnungsregeln und einheitliche Hintergrunddatenbanken. Solange diese nicht vorhanden sind, bleiben EPDs eher ein Werkzeug für Anwender als eine einfache Kennzahl für Käufer.

Zur Verantwortlichkeit für die EPD-Daten: geteilt, aber klar abgegrenzt. Der Anbieter des Tools ist für die Methodik verantwortlich. Der Hersteller ist für die Eingabedaten verantwortlich. Der Prüfer überprüft die Plausibilität. Die Automatisierung macht diese Aufteilung klarer, nicht unübersichtlicher.

Die Sitzung endete mit einem Live-Gespräch mit Christian Donath, Geschäftsführer von ECO Platform, der online zugeschaltet war, um auf die Podiumsdiskussion zu reagieren.

Sein zentraler Einwand: Die meisten Hersteller konzentrieren sich auf die Regulierung auf Produktebene. Die kommerzielle Nachfrage kommt jedoch tatsächlich von der Gebäudeebene. Wenn ein Bauträger die Umweltleistung eines Gebäudes berechnet, benötigt er verifizierte Produktdaten für alles, was darin verbaut wird. Keine EPD bedeutet, dass man aus der Berechnung und aus dem Projekt herausfällt.

In Bezug auf die Verantwortlichkeit zog Christian eine klare Grenze. Die Methodik ändert sich unter der CPR nicht. Was sich ändert, ist die Governance. Nach dem Gesetz liegt die Haftung direkt bei den Herstellern und den benannten Stellen. Auf dem freiwilligen Markt wird diese Verantwortung geteilt. Unter der CPR ist das nicht der Fall.

Seine abschließende Botschaft: 430.000 Hersteller müssen die Vorschriften einhalten und die Branche verfügt nicht über das dafür erforderliche Personal. Das Kapazitätsproblem lässt sich ohne Automatisierung nicht lösen. Man muss die von Menschen und Maschinen geleitete Überprüfung intelligent kombinieren und die Regeln parallel zu den Tools entwickeln. ECO Platform erarbeitet derzeit neue Überprüfungsrichtlinien für Tools. Hersteller, die sich jetzt engagieren, werden mitbestimmen, wie diese Regeln aussehen.

Block 3: Die nächste Produktgeneration

Vier Hersteller präsentierten Produkte, die zeigen, was möglich ist, wenn LCA-Daten die Entwicklung von Anfang an vorantreiben.

Roy Thyroff, Gründer von Rothycon und Netzwerkgeschäftsführer von CU BAU, stellte eine Kabelkanalabdeckung für die Deutsche Bahn vor, die mit dem nichtmetallischen TecBar-Verbundwerkstoff von Klaus Köhler Beton verstärkt ist. Sein Argument: Die Technologie funktioniert. Der Engpass ist das System drumherum. Zulassungsverfahren, Beschaffungsgewohnheiten und die Lücke zwischen einem erfolgreichen Pilotprojekt und der Serienanwendung. Klimawirkung entsteht erst in großem Maßstab, und um dorthin zu gelangen, muss neu gestaltet werden, wie Innovationen auf den Markt kommen.

Anna Sander-Titgemeyer, LCA-Expertin bei Emidat, und Michael Kamml, Forschungsingenieur am FIW München, stellten Forschungsergebnisse vor, in denen Holzfasern als Ersatz für den Kern aus pyrogener Kieselsäure in Vakuumdämmplatten getestet wurden – ein Material, das für über 90 % der gesamten Umweltbelastung der Platten verantwortlich ist. Durch den Einsatz von LCA bereits in der Forschungsphase, noch bevor das Produkt auch nur in die Nähe des Marktes gelangt, validierte das Team deutliche Umweltverbesserungen gegenüber der Silica-Baseline und ermittelte gleichzeitig die Kompromisse, die noch gelöst werden müssen. Die Methode ist die Lehre: Setzen Sie LCA als Filter in der Produktentwicklung ein, nicht als Berichterstattungsinstrument.

Dr. Stefan Hainer, Leiter Anwendungstechnik bei Dyckerhoff, stellte CEM VI vor, eine neue Zementgeneration, die im Vergleich zum Standardzement CEM I den CO₂-Ausstoß um mindestens 50 % reduziert, indem Klinker durch Hochofenschlacke und Kalkstein ersetzt wird. Dyckerhoff ist der erste Hersteller in Deutschland, der hierfür die behördliche Zulassung erhalten hat. Der Weg dorthin dauerte ein Jahrzehnt. Die Hersteller, die die nächste Welle anführen werden, sind diejenigen, die bereits heute daran arbeiten.

Leon Schweiger, Mitbegründer und CEO von Nature Loop Energy, stellte LignoDust vor, einen erneuerbaren Brennstoff aus regionalem Altholz, der Braunkohlestaub im Asphaltbrenner ersetzt – die einzige Komponente, die für 38 % der gesamten CO₂-Emissionen eines Straßenbauprojekts verantwortlich ist. Die CO₂-Reduzierung gegenüber Braunkohle beträgt über 90 %. Europas erste nahezu CO₂-neutrale Asphaltmischanlage wurde 2023 in Betrieb genommen. Baden-Württemberg hat CO₂ bereits als Beschaffungskriterium in öffentlichen Ausschreibungen eingeführt, gewichtet mit 30 %. Es wird erwartet, dass weitere Regionen folgen werden.

Der Block endete mit einer Keynote von Julia Urbauer, Associate Director bei Sustainable AG, die den Herstellern einen praktischen Rahmen dafür gab, wie sie mit LCA-Daten umgehen können, sobald sie diese haben. Entscheidungen zum Produktdesign machen rund 70 % des gesamten CO₂-Fußabdrucks eines Produkts aus. Das bedeutet, dass die Auswirkungen bereits in einer frühen Phase festgelegt werden. Die Hersteller, die den größten Nutzen aus ihren Umweltdaten ziehen, sind diejenigen, die diese integrieren, solange Designentscheidungen noch offen sind, und nicht erst, nachdem das Produkt fertiggestellt ist. 

Darüber hinaus erzielen Unternehmen mit weniger umweltschädlichen Produkten in ihrem Portfolio im Vergleich zu Wettbewerbern 22 bis 33 % höhere Umsätze. Ökodesign ist ein Argument der Produktstrategie, nicht nur der Nachhaltigkeit.

Block 4: Die Zukunft der DPPs

Oscar Nieto Sanz, Referent bei der GD GROW und einer der Architekten der CPR, gab den Anwesenden einen direkten Überblick über den Stand der Umsetzung. Die neue CPR ist in Kraft. Die Umsetzung erfolgt Produkt für Produkt, gekoppelt an den Zeitpunkt der Verabschiedung der jeweiligen harmonisierten Norm. Zement steht an erster Stelle. Türen und Fenster folgen, wobei die verbindliche Anwendung für etwa 2030 erwartet wird. Die meisten Normen werden für etwa 2031 bis 2032 erwartet.

Wichtige Punkte für Hersteller: Sie sind für die Erstellung und Pflege ihrer DPP verantwortlich. Die EU-Kommission stellt lediglich das Register zur Verfügung. Sie erstellen das Format, melden die Daten und tragen die Haftung. 

Wenn Sie bereits über eine EPD verfügen, haben Sie etwa 80 % der Arbeit bereits erledigt. Die meisten benötigten Daten erheben Sie bereits. Die Aufgabe besteht darin, diese in einem strukturierten digitalen Format zu organisieren. Werksaudits sind erforderlich, wenn Primärdaten verwendet werden, jedoch nur einmal, und sie können mit bestehenden Konformitätsbewertungsverfahren kombiniert werden. Alte Erklärungen müssen 25 Jahre lang zugänglich bleiben. Nationale PCRs werden zurückgezogen und durch eine harmonisierte europäische Norm pro Produktkategorie ersetzt.

Seine abschließende Botschaft: Warten Sie nicht, bis Ihr Produkt in das System aufgenommen wird, um darüber nachzudenken, was zu tun ist. Je früher, desto besser.

Die anschließende Podiumsdiskussion brachte drei weitere Perspektiven ein. Ghislain Vathelot, geschäftsführender Gesellschafter von Accentis CIS, argumentierte, dass die DPP ein strategischer Vorteil und keine reine Compliance-Maßnahme sei. Der Zeitplan sei konkret, die betroffenen Produktfamilien seien definiert, und die CPR werde an die ESPR angepasst, um einen einheitlichen europäischen Ansatz zu gewährleisten. Angela Mejorin, Gründerin und Kuratorin von Performance-Based Façade Design, trieb die Diskussion weiter voran. Ökobilanzen (LCAs) und Umweltproduktdeklarationen (EPDs) sind keine einmaligen Leistungen mehr. Umweltdaten müssen aktuell sein, gepflegt und in die Produktstrategie integriert werden. Und die DPP wird, wenn sie gut genutzt wird, zu einem Werkzeug für Rückverfolgbarkeit, intelligentere Instandhaltung, Kreislaufwirtschaft und die Verlängerung der Lebensdauer von Gebäudesystemen im Laufe der Zeit. Otto Handle, CEO der Inndata Datentechnik GmbH, schloss mit der direktesten Botschaft des Tages: Das größte Hindernis für die DPP-Bereitschaft sind nicht die Vorschriften, die Standards oder die Technologie. Es ist das Warten auf perfekte Bedingungen, anstatt jetzt anzufangen.

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