Betonfertigteile prägen neue Theaterarchitektur in Brescia
Die Fassade des Teatro Borsoni in Brescia prägen großformatige Betonfertigteile mit dreidimensional strukturierter Oberfläche. Für ihre Herstellung entwickelte Camuna Prefabbricati eine spezielle Schalung, mit der bis zu 4 × 11 m große Fassadenplatten vorgefertigt und die geometrisch anspruchsvolle Oberflächenstruktur umgesetzt werden konnte.
Ein Meilenstein für Brescia
Mit dem Teatro Renato Borsoni wurde im Herbst 2024 ein neues kulturelles Herzstück in Brescia eingeweiht, das als Symbol einer städtebaulichen Transformation gilt. Eingebettet in das großangelegte Revitalisierungsprojekt „Oltre la Strada“ („Jenseits der Straße“), das sich dem strukturellen und sozialen Umbau des ehemaligen Industrieareals entlang der Via Milano widmet, erhebt sich der Theaterneubau an der Via Milano 83 auf einem Areal, das einst industriell geprägt war. Der Entwurf stammt vom Architekturbüro Botticini+Facchinelli ARW in Kooperation mit Brescia Infrastrutture.
Stadtbildprägende Architektur mit Betonfertigteilen
Das Gebäude des Teatro Borsoni überzeugt durch eine architektonisch klare Struktur und seine starke Einbindung in den urbanen Raum. Der Hauptbaukörper ist rechteckig angelegt und vollständig mit großformatigen Betonfertigteilen verkleidet, die der Fassade eine monolithische Ausdruckskraft verleihen. Die sogenannten zyklopischen Blöcke sind jeweils 4 mal 1,25 Meter groß und haben eine grob strukturierte Oberfläche, die dem Gebäude mehr Tiefe und Plastizität gibt. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die gleichmäßige Anordnung der Fassade mit stählernen Verbindungselementen, die die einzelnen Betonelemente visuell und konstruktiv zusammenhalten.
Ein markantes Detail bildet die tief eingeschnittene Aluminiumloggia an der Nordfassade, die als geschützter Zugang zum Haupteingang fungiert. Die transparente Glasfassade des Foyers wiederum schafft eine visuelle Verbindung zwischen Innenraum und öffentlichem Stadtraum und öffnet das Haus sinnbildlich zur Stadt. Der helle Granitbelag des Vorplatzes schafft eine freundliche Atmosphäre. Der Platz ist offen gestaltet wie ein städtischer Kirchhof und bietet Raum für Begegnungen. Die verspiegelte Technikfassade nimmt die Umgebung auf und sorgt so für ein lebendiges, dynamisches Erscheinungsbild im Außenraum.
Licht, Materialität und räumliche Offenheit
Besonders auffällig ist der 19 m hohe Bühnenturm, der das Volumen des Hauptbaus vertikal überragt und mit transluzenten Polycarbonatplatten verkleidet ist. Nachts wird er von innen heraus beleuchtet und verwandelt sich so in ein weithin sichtbares Lichtzeichen. Die Kombination aus Sichtbeton, Aluminium und Glas schafft ein spannungsvolles Zusammenspiel von Materialität, Transparenz und Massivität. Diese Balance zwischen Offenheit und Schutz, zwischen Struktur und Leichtigkeit, ist Ausdruck eines architektonischen Konzepts, das den kulturellen Anspruch des Hauses sichtbar macht.
Innenraumgestaltung mit Funktion und Atmosphäre
Auch im Innenraum bleibt das Materialkonzept durchgängig erhalten. Dunkelgrauer Putz, Kunstharzböden und Aluminiumoberflächen erzeugen eine zurückhaltende, fast industrielle Atmosphäre, die durch gezielte Holzelemente an Wärme und Akustik gewinnt. Die akustisch wirksamen Wandverkleidungen in den Sälen bestehen aus warmem Holz und sorgen für eine ausgewogene Klangverteilung. Aluminium dominiert in den Geländern, Treppen und Theken und unterstreicht die funktionale Klarheit des Designs. Farbliche Akzente wie ein leuchtend oranger Weg führen durch das Gebäude und markieren Übergänge etwa zum Kinderbereich oder zu den Laborräumen.
Flexible Bühnenkonzepte
Das Teatro Renato Borsoni umfasst zwei Theatersäle, die unterschiedliche Nutzungsszenarien abdecken. Der große Saal – „Sala Castri“ – fasst 312 Besucherinnen und Besucher und ist mit einer erhöhten Holzbühne sowie akustisch optimierten Holzpaneelen ausgestattet. Die Wände werden von integrierten LED-Streifen beleuchtet, was sowohl ästhetisch als auch funktional wirkt. Die Bühne verfügt über einen Resonanzhohlraum zur akustischen Verbesserung der Sprachübertragung und musikalischen Darbietungen.
Der kleinere Saal – „L’isola che non c’è“ – richtet sich mit seinen 169 Plätzen insbesondere an Kinder und jüngere Zielgruppen. Auf einen Bühnenturm wurde hier bewusst verzichtet, um ein intimeres Raumgefühl zu erzeugen. Der durchgängige Holzboden geht fließend in die Bühne über, wodurch eine ungezwungene Atmosphäre entsteht. Die Raumstruktur fördert Interaktion und Nähe zwischen Publikum und Bühne – ein Konzept, das besonders bei Bildungsangeboten und interaktiven Formaten seine Stärken entfaltet.
Ergänzt werden beide Säle durch Laborräume, Büroräume und einen unabhängigen Gastronomiebereich. Ein separates Foyer verbindet alle Funktionsbereiche miteinander und öffnet sich zur Piazza hin. Die multifunktionale Ausrichtung des Hauses macht es zum kulturellen Ankerpunkt in einem sich wandelnden Stadtquartier.
Kulturarchitektur als Teil des urbanen Wandels
Das Teatro Borsoni versteht sich als mehr als nur ein Theater. Es ist ein Instrument städtischer Transformation und kultureller Teilhabe. Als Ort des Austauschs und der Begegnung schlägt es eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen industrieller Geschichte und urbanem Leben. Die direkte Lage an der Via Milano – einer vormals vernachlässigten, nun neu belebten Magistrale – positioniert das Gebäude als Herzstück des Quartiers. Die gute Erreichbarkeit über den öffentlichen Nahverkehr, ein neuer Radweg sowie eine Tiefgarage mit Anbindung an das Theater machen es zu einem inklusiven Ort für unterschiedliche Nutzergruppen.
Nachhaltigkeit durch industrielle Fertigung und funktionale Klarheit
In technischer Hinsicht überzeugt das Projekt durch seine stringente Nutzung von Betonfertigteilen. Diese wurden nicht nur zur Beschleunigung der Bauzeit, sondern auch unter Nachhaltigkeitsaspekten gewählt: Vorgefertigte Elemente reduzieren Bauschutt, erhöhen die Maßgenauigkeit und senken den energetischen Aufwand auf der Baustelle. Die robusten Materialien sorgen für Langlebigkeit und niedrige Wartungskosten – ein wichtiger Faktor für öffentliche Gebäude mit intensiver Nutzung.
Zusätzliche Maßnahmen wie die großflächige Verglasung zur Reduktion künstlicher Beleuchtung, der gezielte Einsatz von LED-Technik und die akustische Planung zur Minimierung von Verstärkertechnik tragen zur Energieeffizienz des Hauses bei. Damit erfüllt das Teatro Borsoni nicht nur kulturelle und gestalterische Anforderungen, sondern auch ökologische Standards einer zukunftsfähigen Bauweise.
Betonfertigteile als Mittel architektonischer Ausdruckskraft
Für das Teatro Borsoni in Brescia übernahm das Unternehmen Camuna Prefabbricati die anspruchsvolle Aufgabe der Konstruktion, Vorfertigung und Montage sämtlicher Betonfertigteilelemente. Im Zentrum standen dabei sowohl funktionale als auch gestalterisch prägnante Bauteile, die entscheidend zum architektonischen Ausdruck des Projekts beitragen.
Ein zentrales Element waren die vorgefertigten Terrassen und Betonplatten, die mit hoher Präzision und Leistungsfähigkeit gefertigt wurden. Besondere Ingenieurskunst zeigte sich bei der Herstellung der Fassadenverkleidung: Camuna Prefabbricati entwickelte hierfür eine eigens konzipierte dreidimensionale Schalung, mit der sich Betonplatten im Großformat von 4 x 11 m vorfertigen ließen. Dank dieser Sonderlösung konnte das architektonische Design in seiner Komplexität originalgetreu umgesetzt werden, sowohl in Hinblick auf die Oberflächenbeschaffenheit als auch auf die thermoakustischen Eigenschaften der Elemente. Gleichzeitig wurde ein optimales Verhältnis zwischen Qualität, Gewicht und Funktionalität erreicht.
Die Fassadenplatten selbst sind mit einer strukturierten „Quaderstein“-Oberfläche versehen, die eine stumpfe Pyramide simuliert. Diese Gestaltung erzeugt eine charakteristische Rautenform mit rechteckiger Basis, die auf römische Bautechniken des Mittelalters und der Renaissance anspielt. Das Ergebnis ist eine Fassade, die sowohl technisch anspruchsvoll als auch ästhetisch herausragend ist. Sie verleiht dem Gebäude Eleganz, Tiefe und historischen Bezug und fügt sich gleichzeitig nahtlos in den städtischen Kontext ein.
Insgesamt wurden für die Produktion sämtlicher Fertigteile rund 507 m³ Beton verarbeitet – ein weiteres Indiz für die Größenordnung und technische Komplexität dieses außergewöhnlichen Bauvorhabens.
In seiner Gesamtheit zeigt das Projekt eindrucksvoll, wie sich architektonische Qualität, städtebauliche Verantwortung und industrielle Bauweise vereinen lassen. Die Verwendung von Sichtbetonfertigteilen ist dabei nicht nur technisches Mittel, sondern wesentliches gestalterisches Element. Sie verleihen dem Theater seine prägnante Formensprache, schaffen Identität und tragen zur Lesbarkeit der Architektur bei. Für die Betonfertigteilbranche bietet das Teatro Borsoni damit eine bemerkenswerte Referenz: Es demonstriert, wie sich ästhetischer Anspruch und wirtschaftliche Effizienz im Kulturbau produktiv verbinden lassen und wie sich Beton als Werkstoff immer wieder neu erfinden kann.
CONTACT
Camuna Prefabbricati SRL
Via Provinciale, 5
25055 Gratacasolo di Pisogne/Italy
+39 364 89482
Bautafel:
Leitende Architekten: Botticini+Facchinelli, Gianpiero Ribolla
Bauherr: Gemeinde Brescia
Mitarbeit: Arch. Gianluigi Barucco, Arch. Laura Treccani
Entwurf, Koordination und technische Leitung: Arch. Camillo Botticini (Botticini+Facchinelli ARW)
In Zusammenarbeit mit: Brescia Infrastrutture srl, verantwortl. Ing. Alberto Merlini
Projektleitung: Arch. Paola Daleffe (Brescia Infrastrutture srl)
Entwurfsteam: Arch. Stefano Bordoli, Arch. Paolo Livi, Ing. Massimo Torquati (Brescia Infrastrutture srl)
Bauunternehmen: Sabino Dicataldo
