Adidas Halftime: Team aus Wänden trägt
Dachnetzwerk

Auf dem Campus des Sportartikelherstellers Adidas in Herzogenaurach ist eine markant-skulpturale Kantine entstanden. Die Idee zu dem Bau stammt von den dänischen Architekten Cobe in Kooperation mit dem Ingenieurbüro Knippershelbig. Der vollständige Beitrag (nur Deutsch) ist im BetonBauteile Jahrbuch 2022 zu lesen, erhältlich in der Profil-Buchhandlung des Bauverlages.

Eine Exkursion in die „World of Sports“ in Herzogenaurach lohnt sich neuerdings nicht nur für Sportinteressierte, sondern auch für Architekturbegeisterte. Der Adidas-Hauptsitz in der „Herzo Base“ bei Nürnberg wurde über viele Jahre kontinuierlich durch architektonisch herausragende Gebäude erweitert. Auffällig ist „Halftime“ nach dem Entwurf des dänischen Architekturbüros Cobe. Eine rautenförmige Dachkonstruktion aus Betonfertigteilen ruht auf vorgefertigten Sichtbetonwänden. Durch die dunkelgraue Pigmentierung der Wände entsteht der Eindruck, als schwebe die helle Dachstruktur einige Meter über dem Boden.

 

Adidas und die Architektur

Mit 1,2 Mio. Bewerbungen jährlich ist Adidas der begehrteste Arbeitgeber unter den DAX-Konzernen. Als solcher möchte der Sportartikelhersteller seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen am Headquarter-Standort ein inspirierendes Arbeitsumfeld bieten, das die drei C-Werte „Confidence, Collaboration, Creativity“ fördert. „Zentrale Unternehmenseinheiten sitzen in dieser campusähnlichen Anlage, die durch ihre Vielfalt aus umgebauten Kasernengebäuden, hochwertigen Neubauten und einem parkähnlichen Freiraum mit eingestreuten Sportanlagen einen eigenständigen Charakter erhält“, heißt es in der Wettbewerbsausschreibung für das Halftime-Gebäude.

Vor dem Hintergrund des kontinuierlichen Wachstums entwickelte Adidas einen städtebaulichen Masterplan für den Campus. Ein zentraler Baustein ist das unter dem Arbeitstitel „Meet & Eat“ ausgeschriebene Gebäude. Die Arge Cobe & CL MAP konnte mit ihrem Entwurf den 1. Preis für sich entscheiden. Mit der Tragwerksplanung wurde das erfahrene Ingenieurbüro knippershelbig beauftragt.

 

Meet, Eat & Showroom

Unter dem rautenförmigen Dach aus Betonfertigteilträgern stehen 15.500 m² Nutzfläche zur Verfügung. Sie umfasst ein Restaurant mit verschiedenen Food-Konzepten, eine Bäckerei und Tagungsräume für Adidas-Personal sowie 7.000 m² Präsentationsfläche im Showroom für Markenbotschafter. Beim Design der Besprechungsräume wurde der Bedarf von Adidas für Workshops und Meetings Sportarten zugeordnet. Das Ergebnis sind zwölf Räume, die diverse Sportstätten, eine Umkleide, ein Schwimmbad, eine Skipiste oder Adi Dasslers Schusterwerkstatt darstellen. Der Multifunktionssaal bietet Platz für 1.500 Personen und ist wie eine Sporthalle mit Sprossenwänden ausgestattet.

 

Rhombus-Dach als Entwurfsthema

Die Grundidee, die verschiedenen benötigten Funktionen unter einem rhomboiden Dach zu vereinen, prägte den Entwurf bis zur Realisierung des Projekts. Das Raumerlebnis im Innenraum ist die Sichtbarkeit der Konstruktion: Sichtbetonwände oder raumhohe Fensterflächen, ästhetischer wie funktionaler Betonboden unter den Füßen und Helligkeit durch Oberlichter von oben. Betrachtet man das Gebäude von Osten oder Westen, so blickt man auf eine überwiegend geschlossene, dunkle Struktur. Im Norden und Süden zeigen brüstungsfreie Fensterflächen offene, lichtdurchlässige Ein- und Ausblicke – nur durch die Stirnseiten der Wände unterbrochen. Die einzelnen Wände bilden ein Team und tragen gemeinsam das Dach, statisch wie metaphorisch.

 

Konstruktion und Tragwerk

Die Gebäudekonstruktion besteht aus einem äußeren „Ringtragwerk“, das die innere Dachkonstruktion, ein Gitterrost aus Haupt- und Nebenträgern, umschließt. Die Konstruktionen der inneren und äußeren Tragstruktur sind hingegen eigenständig. Das rautenförmige Raster überdacht den gesamten Grundriss und kragt bis zu 9 m über die Außenwände aus. Die Kragträger sind durch Querschotte mit den angrenzenden Nebenträgern gekoppelt. Die Dachfläche beträgt 8.650 m²; ein Drittel der Fläche nehmen Oberlichter ein, sodass kein zu großer Wärmeeintrag erfolgt, aber Tageslicht das gesamte Gebäude gleichmäßig flutet. Das Dachtragwerk besteht aus 3,2 km Betonfertigteilbalken, den „V-Trägern“, jeweils mit einem 2 m hohen Betonquerschnitt, bis zu 28 t schwer und mit Regelspannweiten von bis zu 16 m.

Die Hauptträger des inneren Daches verlaufen orthogonal zu den biegesteif eingespannten Betonfertigteilwänden und lagern im Innenraum auf bis zu 7 m hohen Kragstützen und Wandscheiben auf. Die Aussteifung erfolgt über eingespannte Fertigteilstützen, die Kern- und Kragwände sowie über die Ringwände des Ringtragwerks. „Die charakteristischen V-förmigen Stahlbetonträger sind das Resultat aus der Integration einer Vielzahl ineinandergreifender Planungsparameter, unter anderem der Tragwerksplanung, der natürlichen Belichtung der Innenräume und des solaren Wärmeeintrags“, beschreibt das für den Entwurf der Konstruktion verantwortliche Ingenieurbüro.

Ein 3D-FE-Modell diente als Grundlage für die statische Bemessung der aussteifenden Bauteile und Hauptträger nach den Anforderungen des Eurocode 2. Elf verschiedene Detailmodelle wurden erstellt, um die geometrischen Randbedingungen der Dachkonstruktionen zu untersuchen. Die Betonquerschnitte wurden anhand der 3D-FE-Detailmodelle mit einer möglichst einheitlichen Bewehrungsverteilung entworfen. Als Material wurde ein C50/60-Beton bei allen V-Trägern angewandt.

Neben der konstruktiven Ausarbeitung der Detaillösungen für die Fertigteilkonstruktion und den Nachweisen der Tragfähigkeiten stand die Gebrauchstauglichkeit der Konstruktion im Mittelpunkt der Planung. Die filigrane, teilweise übereck geführte Fassade schließt an das Tragwerk der inneren Dachkonstruktion an. Die Aufnahme und Vorhersage der auftretenden Verformungen war für die Planung essenziell. Hierzu wurden durch das Ingenieurbüro knippershelbig 3D-FE-Berechnungen auf Grundlage eines nichtlinearen Materialverhaltens durchgeführt. Zur Umsetzung der Konstruktion wurden dahingehend Effekte auf die Bauphase, die Art sowie Zeiten der Montagestützungen vorgegeben.

 

Baufortschritt durch Bauweise

Die Wahl der Betonfertigteilbauweise fiel früh in der Planung, um möglichst hohe Qualitätsansprüche an die Farbgebung, Oberflächenbeschaffenheit und Anschlussdetails der Sichtbetonträger und -wände effizient zu realisieren. „Mit der Vorfertigung lässt sich eine sehr hochwertige Betonqualität und Detailausbildung erreichen“, erläutert Ulrich Pohl, der bei Cobe für die Ausführungsplanung verantwortlich war. Die Max Bögl Stiftung übernahm die Betonfertigteilplanung, produzierte die Bauteile im Werk und führte die Montage aus. Dadurch, dass die Hauptträger und Stützen als Betonfertigbauteile ausgeführt wurden, konnte die Bauzeit entscheidend verkürzt werden.

Max Bögl reichte den Vorschlag der Ausführung mit Betonfertigteilen ein, so dass die konstruktiven Rahmenbedingungen dieser Bauweise in enger Abstimmung mit der Ausführungsplanung und Tragwerksplanung berücksichtigt werden konnten. Im Fokus einer Planung mit Betonfertigteilen stehen die Anschluss- und Fügedetails unter Beachtung der gestalterischen, technischen und baupraktischen Randbedingungen. Man sollte sich frühzeitig für eine Konstruktionsart entscheiden, da ansonsten eine Anpassung der Statik oder gar eine Umplanung der gesamten Konstruktion notwendig wird.

Die Hauptträger und Nebenträger wurden als Fertigteile auf die Baustelle transportiert. In Bereichen, in denen die Trägerstöße einer Zugbelastung standhalten müssen, wurden sie mit Peikko Wandschuhen miteinander verschraubt. Die V-Träger setzen sich im Bereich der Gebäudehülle aus zwei miteinander verbundenen, durch Wärmedämmung getrennten Elementen zusammen, die jeweils einen V-Schenkel ausmachen.

Die aussteifenden Betonfertigteilwände sind biegesteif im Fundament eingespannt. Zur Verbindung der vorgefertigten Stützen und Wände mit der Gründung und in Wandstößen bei übereinanderstehenden Wänden setzten die Planer und Planerinnen Schraubverbindungen für Fertigteilkonstruktionen von Peikko ein. Bei den Sandwichwänden im Bereich der Außenwände wurde die nichttragende Wandscheibe innen platziert, um die V-Träger der äußeren Dachkonstruktion auf der tragenden, außen liegenden Wandscheibe aufzulagern. Mechanische Stützenverbindungen in den Anschlüssen der Wände und Stützen nehmen hohe Querkräfte auf. Im Fertigteilwerk Max Bögl wurden HPKM-Stützenschuhe in die Wände einbetoniert und diese über HPM-Ankerbolzen mit dem Fundament verbunden. In den schlanken Wandelementen sind Stützenschuhe die platzsparende Alternative zu Wandschuhen, um Kollisionen in der Bewehrung zu vermeiden.

 

Zertifiziert, ausgezeichnet und beliebt

Das Gebäude ist sehr energieeffizient und hat keinen Primärenergiebedarf – es erhielt das LEED-Gold-Zertifikat für nachhaltiges Bauen. Die ausgezeichnete Architektur ließ nicht lange auf Ehrungen warten: Das Halftime gewann 2015 den Iconic Award für visionäre Architektur. Für das Orientierungssystem wurden EIGA Design und Cobe 2019 mit dem Red Dot Design Award für Kommunikation und Marke ausgezeichnet. 2020 stand das Gebäude als Finalist im ArchDaily Building of the Year Award und auf der Longlist der Dezeen Awards.

Seit der Fertigstellung des Multifunktionsgebäudes fördern die originell gestalteten Räume die Qualität von Meetings und die Kreativität der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Die Räumlichkeiten bieten der ganzen „Adidas-Familie“ Raum für gemeinsame („Halbzeit“-)Pausen, kreative Workshops, Produktpräsentationen, Versammlungen und viele weitere Veranstaltungsformate. So groß ist die Beliebtheit, dass man die nur unternehmensintern verfügbaren Räume weit im Voraus buchen muss. Die gelungene Architektur der Konzernzentrale trägt weiter dazu bei, den Namen Adidas als einen der attraktivsten Arbeitgeber zu etablieren.

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