Statement Dr. Stephan Anders (DGNB) zur Podiumsdiskussion „Zukunft der Pflasterbauweise“
Wenn wir über die Zukunft der Pflasterbauweise sprechen, müssen wir ehrlich beginnen: So wie Betonpflaster heute überwiegend eingesetzt wird, ist es ein ökologisches Problem. Die Kombination aus hohem CO₂-Fußabdruck durch zementgebundene Produkte, hoher Ressourcenbedarf sowie großflächiger Versiegelung führt dazu, dass Pflasterflächen in vielen Städten und Gemeinden negative Klima-, Umwelt- und Ressourcenwirkungen erzeugen. Trotz dieser Problematik hat Pflaster eine Zukunft – allerdings nur, wenn wir es neu denken:
1. Kreislauffähigkeit als Standard: Wirklich zukunftsfähige Pflastersysteme müssen mehrfach wiederverwendbar sein. Das heißt: sortenrein, rückbaufähig, dokumentiert, mit standardisierten Rücknahme- und Wiederaufbereitungsprozessen. Es braucht Geschäftsmodelle, die Rückbau als Ressource und nicht als Abfall sehen.
2. Neue Funktionen statt nur Oberfläche: Pflasterflächen müssen künftig aktiv zum Klima- und Wassermanagement beitragen: Versickerung, Filtration, Verdunstung, Kühlung. Das ist kein „Nice to have“, sondern Voraussetzung für klimaresiliente Städte. Bestehende Systeme zeigen, dass das technisch möglich ist – aber sie sind in der Anwendung noch Randerscheinungen.
3. CO₂-Reduktion durch alternative Bindemittel und Rezyklate: Der Einsatz hochwertiger Recyclingzuschläge und zementreduzierter Formulierungen muss schnell zum Branchenstandard werden.
4. Lebenszyklus statt Produktdenken: Aus Sicht der DGNB ist klar: Die Bewertung eines Pflasters darf nicht bei der Herstellung enden. Lebensdauer, Wartungsbedarf, Schadensbild unter realen Nutzungsbedingungen und End-of-Life müssen gleichwertig betrachtet werden. Hier entstehen oft Vorteile, aber nicht automatisch – sie entstehen nur, wenn Planung, Ausführung und Materialqualität zusammenpassen.
5. Rückbau, Dokumentation und digitale Materialpässe: Pflaster eignet sich ideal als Demonstrationsfeld für echte Kreislaufwirtschaft im Außenraum. Digitale Produktpässe, Rücknahmesysteme und Wiederverwendung könnten hier schneller eingeführt werden als in vielen anderen Baubereichen.
Fazit: Betonpflaster hat nur dann eine Zukunft, wenn wir es aus der heutigen linearen Logik lösen und in ein kreislauffähiges, funktionsorientiertes und CO₂-reduziertes System überführen. Nicht mehr: „Wie bauen wir Pflasterflächen effizient?“, sondern: „Wie tragen Pflasterflächen aktiv zu Klimaresilienz, Ressourcenwende und Stadtökologie bei?“
Wenn wir diesen Perspektivwechsel ernst nehmen, kann Pflasterbauweise mehr sein als ein traditionelles Bauprodukt. Sie kann zu einem Instrument der nachhaltigen Transformation werden – im Bestand wie im Neubau.
Ich freue mich auf die Diskussion.
