Interview: „Fast vier Jahrzehnte des Wirkens für die Zement- und Betonbranche“
Bereits in der BFT 10/2023 veröffentlichten wir ein Interview mit Dipl.-Ing. Dipl. Wirtsch.-Ing. Martin Möllmann, damals noch in seiner Funktion als Head of Sales & Marketing White & CSA Cement bei der Dyckerhoff GmbH. Vor wenigen Wochen wechselte er in den wohlverdienten Ruhestand – eine gute Gelegenheit für einen gemeinsamen Rückblick.
BFT International: Lieber Martin, zunächst einmal unsere herzlichsten Glückwünsche zum Eintritt in den wohlverdienten Ruhestand nach fast vier Jahrzehnten des Wirkens für die Zement- und Betonindustrie. Wir beide kennen uns auch schon fast 20 Jahre, damals noch als Wettbewerber, die für Dyckerhoff bzw. Holcim gemeinsam mit den anderen Vertretern der führenden Zementhersteller in der Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit für das damalige BetonMarketing Deutschland viele gute Dinge auf den Weg gebracht haben. In dieser Zeit hat sich viel getan, sowohl auf Produkt-, als auch auf der Vertriebs- und Marketing-Seite. Wie hast Du rückblickend diese Zeit erlebt?
M. Möllmann: Es ist natürlich kaum möglich, all die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in Kürze zu beschreiben. Ich möchte aber einige Meilensteine hervorheben. Meine berufliche Laufbahn ist, wie Du sagst, eng mit den Entwicklungen und Veränderungen der Zement- und Betonbranche verbunden. Als ich 1991 bei Dyckerhoff angefangen habe, fing es gerade mit dem Thema farbiger Beton an. Der damals entstandene Begriff „Architekturbeton“ war geprägt von einer besonderen Formgebung oder Farbe. Ein Leuchtturmprojekt hierfür war das von Gottfried Böhm entworfene Züblin-Haus in Stuttgart mit seinen rötlich eingefärbten und besonders geformten Betonelementen. Die Weiterentwicklung ging danach schnell voran - insbesondere gewaschene und geschliffene Betonoberflächen standen dabei im Fokus. Die Idee, Beton zu schleifen, kam aus Holland - ob es nun Fassaden waren oder Stützen und Säulen. Mit sog. „Säulenschleifmaschinen“, die man damals hatte, wurde die Oberflächen bis auf das Korn heruntergeschliffen.
Die Entwicklung des Sichtbetons ging also rasend voran und ich bin damals sehr viel unterwegs gewesen, quasi als „Wanderprediger“ für dieses neue Bauen. Sehr oft auch gemeinsam mit der damaligen Bauberatung Zement, dem heutigen Informationszentrum Beton - speziell, wenn es darum ging, an Hochschulen und bei Architekturveranstaltungen über farbigen Beton zu referieren. Wir hatten zu dieser Zeit starken Wettbewerb, gerade vom Naturstein und auch von der keramischen Industrie. Aber wir konnten immer wieder zeigen, wie toll man farblich und ästhetisch mit Beton arbeiten kann. Die große Stunde des Betons und vor allem des Betonwerksteins kam dann aber nach dem Mauerfall, als der Umbau des Ostens stattfand.
BFT International: Warum geschah dies gerade im Osten Deutschlands?
M. Möllmann: Nach der Wende ging es im Osten vor allem darum, Verwaltungszentren, Großmärkte, Funktionsbauten, Bildungseinrichtungen u. ä. neu zu schaffen. Und hier war der Betonwerkstein – speziell in Form der 30er Platte mit Kern und Vorsatz - genau das richtige Produkt für die großen Flächen und so geradezu der Renner. Logischerweise fallen dort, wo viel gehobelt wird auch viele Späne ab und so kam es dabei auch immer wieder zu Problemen, meist bei der Verarbeitung. Dies führte unter anderem zur Gründung der GGB, der Gütegemeinschaft Großflächenverlegung Betonwerkstein e.V. Treibende Kraft war dabei insbesondere die damalige DASAG und deren Geschäftsführer Fritz Kohlenberg, der sagte „unser Produkt ist in Ordnung, aber wir müssen die Verleger höher qualifizieren und einheitliche Verarbeitungsrichtlinien für alle erstellen, die Großflächen machen“. Mit der Gründung der GGB und den entsprechenden Merkblättern wurde dies auch erreicht, so dass in der Folge die Verlegequalität des Betonwerksteins deutlich zunahm.
Dazu kam auch eine zunehmende Qualität der Verlegemörtel; denn es ging auch darum, weniger Mörtel auf der Baustelle direkt herzustellen, sondern mit qualitativ hochwertigen Fertigmörteln auf Basis von Silo-Mörteln zu arbeiten. Die GGB war uns als Dyckerhoff sehr wichtig und ich habe hier die Entwicklung dieses Zusammenschlusses von Betonwerkstein Produzenten und Verlegebetrieben intensiv mit begleitet. Und last but not least konnten wir mit unserem Wilhelm-Dyckerhoff-Institut und der hier entwickelten Betontechnologie der GGB gute Dienste leisten.
BFT International: Welche Rolle spielte in diesem Zusammenhang das Kernprodukt Dyckerhoff Weiss?
M. Möllmann: Durch den Fortschritt und mit dem zunehmenden Wohlstand stiegen natürlich auch die architektonischen Ansprüche. Insbesondere, wenn es um die Fassaden ging. Aspekte wie Formgebung, Farbe und Struktur standen immer mehr im Fokus, insbesondere dort, wo es hell oder farbig sein sollte. Und wo es hell und farbig sein soll, da gab und gibt es bis heute es natürlich nur ein Produkt, nämlich Dyckerhoff Weiss.
So kam es dann auch recht schnell dazu, dass man auch hier einheitliche Standards brauchte, um Sichtbetonfassaden und Sichtbeton zu beurteilen. Und es kam zu dem Sichtbeton-Merkblatt, was unter der Federführung vom DBV, vom damaligen Deutschen Beton- und Bautechnikverein mitentwickelt wurde. Und wir waren mit dabei. Bis dahin hatten wir uns immer an der damaligen DIN 18500 orientiert, wenn wir Beurteilungen abgeben mussten. In dieser Betonwerkstein-Norm waren beispielsweise umfangreiche Bearbeitungsverfahren beschrieben. Sie war sozusagen bis zum Erscheinen des Sichtbeton-Merkblatts unsere Bibel.
BFT International: Welche herausragenden Sichtbeton-Projekte sind Dir ganz besonders in Erinnerung geblieben?
M. Möllmann: Ein Highlight war für mich die Begleitung des neuen „Bundeskanzleramts“ in Berlin, ein Projekt das kurz nach der Wende noch unter Helmut Kohl beauftragt wurde. Ich war selbst einige Male im Architekturbüro von Axel Schultes und der damaligen Projektleiterin und Büropartnerin Charlotte Frank. Ein zentrales Regierungsgebäude in der Hauptstadt ganz aus weißem Sichtbeton, welches allabendlich im Fernsehen zu sehen ist - das erfüllt uns natürlich auch heute noch mit besonderem Stolz. Denn wir waren mit Fassaden in Ortbeton aus Dyckerhoff Weiss bei diesem spannenden Projekt ganz prominent dabei. Ebenfalls prominent vertreten sind wir mit unseren Produkten bei einem Projekt, welches dieser Tage wieder in aller Munde ist: „Stuttgart 21“. Ein Projekt, das ich von Anfang an mitbegleitet habe und bei dem ich bis zuletzt gehofft hatte, die Vollendung dieses einmaligen „weißen Bahnhofs“ noch zu meiner aktiven Laufbahn zu erleben. Leider wurde die von mir und dem Dyckerhoff Weiss-Team geplante Abschlussfahrt wieder einmal auf noch unbestimmte Zeit verschoben. Dennoch bin ich mir sicher, dass Stuttgart hier in der Zukunft - analog zu der Oper in Sidney - ein einzigartiges Wahrzeichen bekommt, was in der Welt seinesgleichen suchen wird.
Echt happy bin ich auch darüber, dass ich ein Projekt, welches ich seit 2008 begleite, noch rechtzeitig vor meinem Ruhestand zu Ende führen konnte. Die Wiedererrichtung der Dywidag-Kuppel von 1931. Darüber gab es bereits die entsprechenden Berichte in der Fachpresse - auch in der BFT. Wir bei Dyckerhoff sind echt stolz, dieses historisch bedeutsame Projekt für die Nachwelt erhalten zu haben. Es dokumentiert eindrucksvoll die Entwicklung der Leistungsfähigkeit des Stahlbetons und der Schalenbauweise in Deutschland. Deshalb galt es, dieses Pilotprojekt aus den Anfängen des Stahlbetonbaus unbedingt für die Nachwelt zu erhalten.
BFT International: Welche Rolle spielten für die Entwicklung des modernen Betonbaus die großen Baumessen, auf denen Ihr ja auch immer präsent wart?
M. Möllmann: Diese Messen spielten mit Sicherheit oftmals eine ganz entscheidende Rolle. Vor allem auf den großen Messen wie der Constructa in Hannover, der Bautec in Berlin, der Deubau in Essen und natürlich der Bau in München, konnten wir an unserem rund 1.000 m² großen Dyckerhoff-Stand Bauschaffenden und auch Planern und Architekten zeigen, welch tolle Dinge sich aus Zement und Beton herstellen lassen. Bei der Deubau und bei der Bau war ich lange Jahre aktiv im Ausstellerbeirat. Dies ging bis zur Corona-Zeit, wo wir dann bei Dyckerhoff insgesamt unsere Messepolitik neu justiert haben und dann auch keine großen Stände mehr belegten. Dennoch bleibt festzuhalten, dass viele unserer Produktinnovationen, die wir auf den genannten Messen gezeigt haben, dort ihren perfekten Start hatten.
BFT International: Kannst Du uns einige hierfür typische Beispiele nennen?
M. Möllmann: Gerne. Mit unserem Produkt „Liquidur“ waren wir in Deutschland die Ersten, die mit einem SVB, also einem selbstverdichten Beton auf einer Messe präsent waren. Wir waren die Ersten, die einen solch innovativen Beton für den Transportbetonbereich herstellen konnten. Und mit unserem Spezialbindemittel für UHPC-Beton „Nanodur“ bauten wir erstmals auf der Bau in München eine Treppe mit hauchdünnen, nur 20 mm dünnen Trittstufen, die wir dann in Glaswangen eingeklebt haben. Das war damals, und ich erinnere ich mich gerne dran, ein echter Hingucker, wobei sich die meisten Besucher gar nicht getraut haben, die Treppe zu begehen. Nanodur hat sich übrigens prima weiterentwickelt und wird heute sogar in China verbaut. Und erst jüngst wurde das neue, 17 m hohe und 100 t schwere Kreuz auf dem Christusturm der Sagrada Familia in Barcelona, dem Meisterwerk von Antoni Gaudi, aus diesem einzigartigen High-Tech-Material hergestellt. Der Papst selbst hat es am 10. Juni dieses Jahres feierlich gesegnet.
Aber auch unser Kernprodukt „Dyckerhoff Weiss“ haben wir in den vergangenen Jahren konsequent weiterentwickelt - sowohl vom Marketing wie auch vom Produkt. So gibt es heute für jeden relevanten Anwendungsbereich einen speziellen Weißzement. Ob das Putz ist, die Bauchemie, Betonwerkstein, Fertigteile, SVB-Rezepturen oder auch die Sackware. Besonders gefreut hat mich, dass ich auch die Etablierung unseres jüngsten Produktes der Weiss-Familie, dem Dyckerhoff Weiss BLUE STAR, noch vollenden konnte. Es handelt sich hierbei um den ersten CO2-reduzierten Weisszement, der universell über alle Anwendungsbereiche 15% weniger CO2 im Vergleich zu den weißen CEM I-Zementen freisetzt.
BFT International: Du hast Dich ja auch über viele Jahre in der Info-b, der Informationsgemeinschaft Betonwerkstein e.V., stark engagiert. Wie kam das und was ist der Grund dafür?
M. Möllmann: Von Beginn an war es unser Anspruch bei Dyckerhoff, den Markt, das heißt also unsere Kunden und Stakeholder, über das, was wir tun, auf dem Laufenden zu halten - nicht zuletzt auf den sogenannten Dyckerhoff Weiss-Tagungen. Dabei haben wir auch stets die gesamte Branche zu Wort kommen lassen; denn wir haben immer darauf Wert gelegt, auch mal vertikale Marktpartner mit einzubeziehen - ob das Bauchemie war oder Körnungs- oder Maschinenlieferanten. Besonders wichtig war und ist dabei für uns die Arbeit der Info-b, also der Informationsgemeinschaft Betonwerkstein e.V., die in diesem Jahr bereits ihren 50. Geburtstag feiern konnte. Hier bin ich noch bis zur Hauptversammlung 2027 im Vorstand und kann so die Geschicke der Info-b weiterhin mit begleiten und verfolgen. Der Fokus der Info-b, übrigens der ersten Gemeinschaftswerbung für Betonerzeugnisse, liegt heute vor allem auf Betonwaren für öffentliche Plätze, private Gärten, Terrassen, für Fassaden und Interieurs.
Insbesondere Planer und Architekten schätzen diesen Verein, was sich auch in dem enormen Zuspruch auf der Website niederschlägt. Diese wird in Kooperation mit dem IZB, dem Informationszentrum Beton, gepflegt und gehostet. Die Info-b war übrigens der erste Förderpartner bei der Neugründung des IZBs. Etwas was ich mit dem damaligen ersten Geschäftsführer Thomas Kaczmarek auf den Weg gebracht habe. Nicht vergessen möchte ich, denn das lag mir immer sehr am Herzen, meine Aktivität in der Ausbildung der Betonwerksteinbranche. Bis zum vergangenen Mai war ich 25 Jahre Vorsitzender des Vorstands des Fördervereins der Bundesfachschule für Betonwerker FBB. In diesem Förderverein, der sich im Jahre 1991 speziell zur Unterstützung der Meisterausbildung konstituiert hat, engagieren sich Personen aus verschiedensten Unternehmen rund um die Beton- und Zementherstellung sowie aus dem Verbandswesen. In all den Jahren haben wir immer wieder Höhen und Tiefen an der Ulmer Meisterschule gemeinsam gemeistert. Vor allem hatten wir jedes Jahr einen Ausbildungsjahrgang und ich drücke fest die Daumen, dass dies auch in der Zukunft so bleiben wird.
BFT International: Was ist Dir im Rückblick ganz besonders in Erinnerung geblieben?
M. Möllmann: Von meinen 36 Berufsjahren bei Dyckerhoff sind es besonders die vielen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen – sei es auf Branchenveranstaltungen, Messen, Exkursionen, Baustellenterminen und vielem mehr - und die dabei entstandenen gemeinsamen Erlebnisse und Freundschaften, die mir stets in Erinnerung bleiben werden. Ich verfolge alles auch weiterhin mit Interesse. Besonders die Weiterentwicklung bei Dyckerhoff und Dyckerhoff Weiss. Schließlich ist der 100. Geburtstag der Marke Dyckerhoff Weiss im Jahr 2031 schon in Sichtweite.
BFT International: Lieber Martin, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft.
Interview: Dipl.-Ing. (FH) Silvio Schade, Chefredakteur BFT International
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